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M-F Hakket


Anmeldedatum: 28.07.2009 Beiträge: 678 Wohnort: Bremervörde
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Verfasst am: 23.05.2010, 16:22 Titel: Lincoln Child - Nullpunkt
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An sich stehe ich ja auf solchen Monsterhorrortrash mit pseudowissenschaftlichen Einschlag Marke Dan Schätzing, bei dem sich ein leichter Aha-Effekt einstellt. Und ja, mir ist durchaus bewusst, dass ein gewisser, literarsicher Anspruch bei derart gelegenen Erzählungen eher kontraproduktiv wäre - es könnte den Leser nämlich dazu verleiten, das ganze ernst zu nehmen und von seiner Unterhaltung ablenken. Und das will schließlich keiner.
Für sich gesehen, muss ich auch sagen, dass ich jetzt weiß, dass es eine Menge verschiedener Eissorten gibt, die sich nicht nur auf Schoko-, Vanille- und Kaugummi-Gummibärchen-Geschmack beschränken, sondern etwas mit dem Über- oder Untergefrierpunkt zu tun haben. Wahrscheinlich erklärt das, warum Frauen manchmal noch kälter als Eis sein können. Offenbar sind die doch schlauer als das vermeintlich starke Geschlecht - oder sie lesen einfach mehr.
Doch der Reihe nach:
Ich mag schwarze Cover. Ich finde, sie wirken edel. Doch bei den hier unmotiviert angehängten Eiszapfen bekommt man den Eindruck, ein Lehrling der grafischen Künste hatte keine Lust, sich Mühe zu geben. Davon abgesehen frage ich mich, warum die Zapfen nun ausgerechnet am Namen des Autoren kleben, haben sie thematisch doch eher was mit dem Titel zu tun und wären dort wesentlich besser platziert gewesen - sofern sie auch tatsächlich lokal gepasst hätten und nicht so lieblos angetackert worden wären.
Aber egal, man soll ein Buch nicht nach dem Umschlag beurteilen.
Widmen wir uns also dem Inhalt, und dieser lässt mich zu dem Urteil und dem dritten Ich kommen - er ist überflüssich - Gefrierpunkt hin oder her - eine klopffeste Substanz wird man wohl kaum aus dem Werk destillieren können.
Es geht mit den üblichen, schon tausendfach gelesenen Klisches von irgendwelchen Hinterwäldlerstämmen los, die schon vorher wussten, dass das, was kommen wird, nicht gut sein wird. Der einzige Unterschied ist hier, dass es nicht um die alseits bekannten Inuit, sondern um die weniger bekannten Tunit geht (den tatsächlichen Unterschied kann ich nicht erkennen, ist wohl nur der Name. Wieder was gelernt).
Eine Forschergruppe, die aus möglichst gesichtslosen und wenig bis gar kein Mitleid erregenden Damen und Herren besteht, findet im Eis eine Kreatur, die sie zuerst für einen Säbelzahntiger hält. Das ruft eine Dokumentarfilmfirma auf den Plan, dessen Chef sich (natürlich) als besonders skrupellos, aber ansonsten ähnlich gesichtslos entpuppt.
Es kommt, wie es kommen musste, die Miezekatze taut sich selbst auf und beginnt, nach dem Din-genormten 10-Kleine-Nergerlein-Prinzip die Gruppe zu dezimieren. (Dazu der Tunit: "Ich habs euch ja gesagt!")
Wesentlich mehr passiert nicht. Das absehbare Ende erinnert irgendwie an den Film "Angriff der Killertomaten", was hätte witzig sein können, wenn es witzig geschrieben und witzig gemeint gewesen wäre. Witz, Ironie, Tempo, ein spannender Schreibstil - all das geht dem bekannten und sicherlich gut verdienenden Beststellerautor Lincoln Child aber völlig ab. Vielleicht hätte er beim Lektorieren bleiben sollen. Ein Lektor ist nicht unbedingt ein guter Schriftsteller - das gilt für Germanisten übrigens auch. Es ist zwar kein zwingendes Muss - wie schon erwähnt - dass in solchen Geschichten Anspruch vorherrscht, das gibt es bei Brown schließlich auch nicht, aber Brown schreibt wenigstens spannend.
Selten habe ich eine derart belanglose und überflüssige Umsetzung des Monsterhorror-10-kleine-Negerlein-Genres gelesen wie hier. Teilweise ist es sogar ärgerlich, da Child offenbar ein paar wenige Ideen hatte, die das ganze hätten doch noch interessant und aus der Masse stechend hätten werden lassen können.
So wird zum Beispiel kurz erwähnt, dass der Held der Geschichte das Monster - das natürlich kein Säbelzahntiger ist, sondern eine Sagengestalt der Tunit (dazu der Tunit: "Ich habs euch ja gesagt!") - eben dieses Monster schon öfters in seinen Albträumen gesehen hat. Warum er das hat, woher sein Unterbewustsein die Kreatur kannte, und wozu das überhaupt erwähnt wird, bleibt ungeklärt. Child hätte es sich ja einfach machen können. Es hätte sich ja herausstellen können, dass die Vorfahren des Helden Tunit gewesen wären. Die Erklärung wäre zwar billig, aber es wäre zumindest eine.
Ebenso - und fast noch - ärgerlicher ist die Tatsache, das anfänglich immer wieder angedeutet wird, dass mit der Hackfresse des Monsters irgendwas nicht stimmen würde. Irgendwas wäre merkwürdig, ungewöhnlich, monströs (was nun nicht ungewöhnlich wäre), zumindest anders und möglicherweise einfallsreich.
Doch weit gefehlt. Enttäuschenderweise wird lapidar erklärt, dass dem Vieh tentakelartike, hyperaktive Würmer aus dem Maul hängen. Boah! Oh schreck! Vergleichbar also mit den Wormfortsätzen bestimmter Fische, die damit ihre Opfer anlocken und dann zuschnappen. Doch seit dem desaströsem Verlauf unserer heutigen Politik und deren Veranwortlichen erschreckt das wohl niemanden mehr wirklich.
Letztlich bleibt Child einige Erklärungen schuldig. Warum konnte das Monster mit Tönen besiegt werden? Wozu die Tentakel im Fressbrett? Überhaupt? Wo ist die Moral der Geschichte?
Am Ende bleibt ein merkwürdig leeres Gefühl und die Frage: Ja, und nun? Was sollte das alles? Und möglicherweise stellt sich die Frage, warum ein derart lieblos zusammengeschustertes Buch überhaupt veröffentlicht wird, wenn sich andere erfolglos erfolgreiche bzw erfolgreich erfolgslose Autoren den Hintern abschreiben und sich wahrlich Mühe geben.
Offenbar ist es wirklich das bekannte Vitamin B - hast du einmal Erfolg, kannst du schreiben was du willst, es wird immer gekauft.
(Dazu der Tunit: "Ich habs euch ja gesagt!") _________________ In jedem Menschen existieren düstere Orte. Und wer glaubt, keinen dieser Orte in sich zu tragen, hat den Weg dorthin nur noch nicht gefunden.
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Peter-Pitsch


Anmeldedatum: 26.08.2009 Beiträge: 143 Wohnort: Dänemark
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Verfasst am: 31.05.2010, 15:49 Titel:
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Höret auf den Tunit!
Gemäß des gleichnamigen Titels, aber nicht zuletzt angesichts der fantasievoll aufgezogenen Kritik M-F´s, scheint Mister Child tatsächlich einen Nullpunkt in der "lockeren" Ausübung seines Gewerbes erreicht zu haben. (Dazu der Tunit: "Ich habs euch ja gesagt!")
Dennoch: sowohl letzeres Zitat als auch die vielen anderen amüsanten Seitenhiebe oder Anekdoten, die Hakket in seinem Beitrag so schwungvoll auszuteilen versteht, haben dem Gegenstand seines berechtigten Spotts im Nachhinein noch etwas Positives abgerungen. Beinahe ist man geneigt, das gefriergetrocknete Werk trotz aller eindeutigen Warnungen zur Hand zu nehmen, einzig aus dem voyeuristischen Grund, an den gegebenen, vom ironischen Kritiker hervorgehobenen Stellen, einem herzhaften Gelächter freien Raum zu lassen! Um etwa der furchterrregenden Problematik in Zuammenhang mit der "Tentakelfresse" des Monsters hautnah beizuwohnen.
Andererseits möchte man auf jene angekündigte Leere, die den gebeutelten Leser zwangsläufig gegen Ende der Lektüre ereilen muss, liebend gern verzichten ... Deshalb schöpfe ich mein ganzes, wenn auch leicht ergrautes Vertrauen aus der großen Weisheit unseres Tunit.
Danke für den Spaß, Hakket, man liest sich.
Gruß
Peter _________________ Texte von Peter Pitsch - Satire, Lyrik, Romane
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yggdrasil

Anmeldedatum: 21.11.2006 Beiträge: 488 Wohnort: Im Norden Deutschlands und im Süden Skandinaviens
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Verfasst am: 31.05.2010, 16:42 Titel:
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Danke hakket, für´s Lesen und Kritisieren. Nun muss ich selber nicht lesen (wobei das nicht unbedingt mein Genre ist), konnte mich aber sehr über Deine Kritik amüsieren! Und: ich kann nun mitreden, wenn das Partygespräch auf dieses Thema kommen sollte.... Yggdrasil _________________ www.autorenwerkstatt.de.tl
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